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Einleitung
Wenn
man sich wie ich mit Alltagskultur der Kaiserzeit beschäftigt, fühlt
man sich manchmal wie ein Paläontologe: man gräbt einen Knochen aus
und versucht, das Lebewesen darum zu rekonstruieren. Das ist
manchmal sehr schwer, denn viele Künstler der Kaiserzeit sind heute
verfemt, ungewürdigt oder einfach vergessen.
Grad
wenn sie dort arbeiteten, wo die akademische Zunft schon
grundsätzlich keine Kunst verortet, wie in der Spielefertigung, bei
Sammelbildern oder einfachen Zeitungen, sind die Namen von Künstlern
regelmäßig heute völlig unbekannt. Oft finden sich in
zeitgenössischen Quellen Hinweise, aber manchmal ist auch dort
einfach nichts zu finden - zum Beispiel bei jungen Künstlern, die
schon früh ihr Leben im Weltkrieg verloren haben, bevor ihr Stern
richtig aufgehen konnte… |
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Künstler im Ersten Weltkrieg
Die
Liste der jungen deutschsprachigen Künstler, die ihr Leben durch den
Ersten Weltkrieg verloren haben, ist lang. Die bekanntesten sind
wohl Franz Marc, August Macke, Gustav Klimt oder Egon Schiele.
Manche behaupten, daß der Weltkrieg das junge Kunstschaffen im
deutschsprachigen Raum fast ausradiert hätte. Der Mythos von
Langemarck tat einiges dazu. Ein ähnlicher Fall scheint der Künstler
Karl Winter zu sein. Er malte und zeichnete für Reclams Universum zu
Beginn des Ersten Weltkrieges. In den Kriegsausgaben des 31. und
32.Jahrgangs sind während der Jahre 1914 bis 1916 einige
Illustrationen und zwei Farbbilder abgedruckt, danach wird es still
um ihn.1
Im
Dezember 1915 gab er ein kleines Büchlein „Der vergnügte
Postkarten-Zeichner für die Jugend“ mit 60 humoristischen
Postkarten-Vorbildern heraus, weshalb er im Künstlerlexikon2
und dem Katalog der DNB erwähnt wird. Sonst findet er nirgendwo
Erwähnung. Gelegentlich wird sein Werk anderen, namensgleichen
Künstlern zugeordnet, obwohl Schaffenszeit und Lebensdaten unmöglich
passen können. Der Mann ist bisher ein Rätsel. |
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„Das Schlachtfeld“ und
„Morgenrot, Morgenrot“ aus dem 31.Jahrgang von Reclams Universum.3 |
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1 Einige Bilder wurden im Rahmen der „Kriegsbilder“-Serie
von Reclam als Ansichtskarten später wieder abgedruckt. |
2 Saur Internationales Künstlerlexikon verweist
auf:
„Illustration und Illustratoren des Kinder- und Jugendbuchs im
deutschsprachigen Raum 1871-1914“ von Hans Ries (https://d-nb.info/920589871)
findet sich ein kurzer Eintrag zu „Winter, Karl“:
- „biographische Daten unbekannt“
- „Vorlagenwerke: Der vergnügte Postkarten-Zeichner für Kinder. Eine
Zeichenschule. Leipzig :
Kade 1907 ; Beyer 1914“ Weitere Angaben sind nicht vorhanden.
3 „Morgenrot, Morgenrot…“ 1915 erst nur in
schwarz/weiß abgedruckt, in den späteren Jahresbänden der
Kriegsausgaben, dann farbig. |
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Unterschiedlicher können Bilder kaum sein. Einmal Schrecken und
Grausamkeit auf dem Felde und auf der anderen Seite friedliche
Idylle im Sonnenaufgang. |
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„Vom Kriegsschauplatz
in Deutsch-Südwestafrika“ aus Heft 29 des 31.Jahrgangs.
Links original, rechts KI-coloriert. |
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„Auf englischer Fährte
in Deutsch-Südwestafrika“ aus Heft 38 des 31.Jahrgangs
Links original, rechts KI-coloriert. |
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„Vom deutschen
Heldenkampf in Deutsch-Ostafrika“ aus Heft 37 des 32.Jahrgangs
Links original, rechts KI-coloriert. |
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Auf der Spurensuche
Während
der Suche nach Spuren von Karl Winter stieß ich auf eine Erwähnung
in „Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland 1840-1950“ von Aiga
Klotz. Im Illustratoren-Register (in Band VI) gibt es einen Eintrag
zu „Winter, Karl“, der auf das Werk „Onkel Antons Kindergeschichten:
eine Sammlung der
schönsten Erzählungen, Märchen, Theaterstücke,
Rätsel […]“ verweist. An diesem scheint Karl Winter als Illustrator
mitgewirkt zu haben. Nachdem ich mir einen Sammelband mit besagten
„Onkel Anton´s Kindergeschichten“ besorgt und die bibliografischen
Angaben dazu geprüft hatte, war erst einmal neue Verwirrung, denn
die Bände (insgesamt 4) werden lt. DNB-Angaben auf die 1920er Jahre
geschätzt – genaue Daten sind nicht erkennbar. Wenn Winter aber 1916
fiel, konnte er nicht später noch Zeichnungen für die Kinderbücher
gemacht haben. Dies Rätsel klärte sich dann dadurch, daß die Bücher
mit Onkel Anton´s Kindergeschichten Wiederabdrucke einzelner
Geschichten aus früher erschienenen „Onkel Antons Jugendpost“ (einer
Heftreihe) waren, die vor dem Krieg erschienen waren.
Die
Beispielbilder zeigen seine Vielseitigkeit. Einmal Kindergerechte
Bilder, eher naiv zu beschreiben, dann aber auch die Fähigkeit genau
und naturalistisch zu zeichnen. |
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Diese
Mitarbeit an Kinderliteratur und sein Postkarten-Büchlein erwecken
den Eindruck eines Künstlers, der „von Haus aus“ ein
Kinderbuchillustrator ist. Werfen wir noch einmal einen Blick auf
sein Postkarten-Büchlein.4
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Es
gibt im Heft 2 des 32.Jahrgangs von Reclams Universum ein Bild, das
im selben Stil gemalt ist: „Der Lehrer auf Urlaub“. Der Gedanke
drängt sich auf, als habe Winter uns hier eine Art Selbstportrait
hinterlassen. War er ein kinderliebender, künstlerisch begabter
Lehrer? Wenn das zutrifft, haben wir im Bild neue Spuren. |
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Wir
erkennen, er war Soldat und traf im Heimat-urlaub seine
Schützlinge. Die Szenerie und der Kirchturm deuten auf
ein Dorf oder eine Kleinstadt in Süddeutschland. |
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4 © Deutsche Nationalbibliothek |
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Die
daraufhin folgende Suche ging in zwei Richtungen:
a) Wo gibt es eine Kirche mit genau diesem Zwiebelturm und schlanker
Spitze?
b) Gibt es Hinweise auf einen Lehrer Karl Winter, der 1916 gefallen ist?
Die
Suche nach dem Kirchturm verlief leider schnell im Sande.
Google-Bildersuche zeigte nur ähnliche Türme, niemals einen
identischen und es ist davon auszugehen, daß wenn ein Künstler
seinen Heimatort darstellt, er sich keine Ungenauigkeiten erlaubt.
Anfragen
bei Kirchturm-Enthusiasten oder Bistümern wurden gar nicht oder nur
freundlich ablehnend beantwortet. Es gibt keine überregionalen
Verzeichnisse für architektonische Besonderheiten dieser Art.
Vielleicht erkennt ein Leser „sein Kirchlein“ durch diese
Veröffentlichung… |
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Die
zweite Suche nach einem 1916 gefallenen Lehrer namens Karl Winter
über das Zeitungsportal brachte mehrere Hinweise. Wenn man,
ausgehend vom Bild eines stämmigen Mannes mit Vollbart, einen
Jüngling von 21 Jahren ausschließt, verbleiben drei
vielversprechende Spuren: |
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1) |
Im
Badischen Beobachter vom 12.12.1916 wird der 53.jährige
Hauptlehrer Karl Winter aus Sulz (bei Lahr) als
Gefallener erwähnt. (In der letzten Quartalsliste der
Gefallenen im Staatsanzeiger des Großherzogtums Baden
vom 31.12.1916 wird der Oberlehrer in Mannheim, Karl
Winter gelistet. Hier liegt wahrscheinlich ein Fehler
vor, denn da sind gleich mehrere Oberlehrer aus Mannheim
aufgeführt. Wahrscheinlich ist dies derselbe Karl
Winter)
Hier bot sich eine weitere Recherche an. Die
Kriegsstammrollen und Verlustlisten der Badischen
Truppen (Infanterie-Regimenter 110 und 111) sind beim
Landesarchiv Baden-Württemberg in Karlsruhe vorhanden.
Doch leider fand sich in den Verlustlisten nicht nur ein
Karl Winter, so daß die Spur nur weiter verfusselte und
entmutigte.
Eine Anfrage beim Stadtarchiv Lahr, ob dort ein
kunstbegabter Lehrer Karl Winter vor dem Weltkrieg
bekannt war, blieb ergebnislos. |
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2) |
Im
Grafschafter Beobachter vom 15.11.1915 wird die
Beförderung des Vizefeldwebel Karl Winter aus
Bollmershausen bei Gummersbach zum Leutnant erwähnt –
früher Lehrer an der evangelischen Volksschule in
Moers-Asberg. Die Kirche in Asberg sieht jedoch völlig
anders aus, als auf dem Lehrer-Bild. |
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3) |
Im
Reichsanzeiger vom 20.05.1916 wird der Unteroffizier
Karl Winter (Feldartillerie-Regiment 116, 2.Batterie,
Verlustliste 192) als in der Schweiz (Veltheim bei
Zürich) als verstorben angezeigt. Die Schweiz nahm aus
humanitären Gründen Tausende verletzte und kranke
Kriegsgefangene zur Versorgung auf. Die Recherche zur
Württembergischen Gefallenenliste und der Stammrolle des
Uffz. Karl Winter ergab, daß er Regierungsbaumeister war
– kein Lehrer. |
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Eine
letzte Spur war das Archiv des Reclam-Verlages, das sich heute im
Deutschen Literaturarchiv Marbach befindet. Leider fanden sich dort
keine Unterlagen in Form von Personalunterlagen, Arbeitsverträgen
oder Abrechnungen für Bilder von freischaffenden Künstlern zu Karl
Winter. |
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Resümee
Nach
gut 7 Monaten Recherche kam ich auf allen Wegen in eine Sackgasse.
Da war nun die Frage, ob ich einen Artikel ohne Ergebnis
veröffentliche oder alle bisher erreichten Erkenntnisse in einem
Ordner ablege, der nach meinem Tode gelöscht wird, ohne daß jemals
etwas meiner Suche nach Karl Winter publik wird. Ich entschied mich
für ersteres, weil ich mir denke, er ist es wert, daß seine
Geschichte erzählt werden sollte.
Ohne Beweise und Belege, stelle ich mir einen Mann vor, der im
Strudel seiner Zeit, wie Tausende andere auch, sein Schicksal fand.
Einen kinderliebenden, begabten Künstler, der Schrecken und Grauen
des Krieges erleben mußte. Nicht kriegsbegeistert, mit großer
Sehnsucht nach Frieden.
In diesem Sinn zwei weitere
Bildvorstellungen:
Bei Betrachtung des Bildes „Siegesfahnen“, veröffentlicht im
November 1915, denkt man erst an Triumph und Sieg über einen Gegner.
Doch wenn man sich die Menschen auf der Straße genau ansieht, sieht
man keine Soldaten im Triumphmarsch, keine jubelnden Massen mit
Fähnchen in der Hand. Nein, man sieht eine ganz normale, friedliche
Straßenszene mit glücklichen Menschen. Hier feiert keine Regierung
einen Sieg über den Feind, hier erlebt ein Volk den Sieg über den
Krieg. |
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Bei
Betrachtung des Bildes „Siegesfahnen“, veröffentlicht im
November 1915, denkt man erst an Triumph und Sieg über
einen Gegner. Doch wenn man sich die Menschen auf der
Straße genau ansieht, sieht man keine Soldaten im
Triumphmarsch, keine jubelnden Massen mit Fähnchen in
der Hand. Nein, man sieht eine ganz normale, friedliche
Straßenszene mit glücklichen Menschen. Hier feiert keine
Regierung einen Sieg über den Feind, hier erlebt ein
Volk den Sieg über den Krieg. |
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Zum
Abschluss eines der letzten veröffentlichten Bilder von Karl Winter:
„Auf Urlaub“ (November 1916). Die Stimmung ist uns bekannt.
Der
Soldat sitzt auf seiner Bank mit Blick auf eine Kleinstadt.5
Er sieht (seinen?) Kindern beim Spielen zu, empfängt ein Blümchen
des kleinen Mädchens und genießt den Frieden.
Arne Schöfert
2/2026 |
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5 Die Suche nach dieser Orts-Silhouette mit den
charakteristischen Türmen (Rathaus, Kirche?) führte übrigens auch zu
keinem Ergebnis. |
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